Symphonies in 3 MovementsDas Konzept dieses Albums erinnert deutlich daran, dass in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts die Einführung eines vierten Satzes fortan (und für mehr als einhundert Jahre) nahezu verbindlich für die Sinfonie wurde – wobei es sich bei dem vierten Satz um das an dritter Stelle stehende Menuett bzw. Scherzo handelt. Seine Einführung veränderte die gesamte Dramaturgie der aus der Opern-Ouvertüre italienischer Art abgeleiteten Werkgestalt. Dass später im 20. Jahrhundert noch ganz andere Konzepte entstanden (bis hin zur monumentalen Einsätzigkeit), muss nicht extra erwähnt werden – wohl aber die gelegentliche Rückwendung zur Dreiteiligkeit, die nicht nur durch neoklassizistische Tendenzen motiviert wurde.
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Wie unterschiedlich die Zugänge waren, zeigt die hier getroffene Auswahl mit Sinfonien (1914) von Charlotte Sohy (1887–1955), einer sensationellen Entdeckung, einer unterm Strich doch nicht so ganz lockeren, doch extrem knapp gefassten Kammersinfonie von Darius Milhaud (1917), einer durchaus bekannten Sinfonie (1780) von CPE Bach und der Sinfonie in drei Sätzen (1942/45) von Igor Strawinsky, der man bereits einen amerikanischen Tonfall (Bläser!) attestieren mag. So unterschiedlich die Stile (und Epochen) auch sein mögen, so verblüffend konsistent sind die Interpretationen. Sie laufen sich nicht gegenseitig den Rang ab, sondern stehen zueinander in Beziehung. Bar Avni und dem Orchestre National Bordeaux Aquitaine ist eine fabelhafte Einspielung gelungen, die bei Bach nichts überdramatisiert, bei Strawinsky aber eine angenehme Wärme entfaltet. Schade, dass so ein solches Konzept wohl kaum in eine Fortsetzung geht…
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Symphonies in 3 Movements
Charlotte Sohy. Sinfonie cis-Moll op. 10 «Grand Guerre»; Darius Milhaud. Kammersinfonie Nr. 1 o. 43 «Le Printemps»; Carl Philipp Emanuel Bach. Sinfonie D-Dur Wq 183/1; Igor Strawinsky. Sinfonie in drei Sätzen
Orchestre National Bordeaux Aquitaine, Bar Avni
Alpha ALP 1201 (2025)
Dr. Michael Kube, geb. 1968 in Kiel, studierte Musikwissenschaft, Kunstgeschichte sowie Europäische Ethnologie/Volkskunde. Promotion mit einer Arbeit über Hindemiths frühe Streichquartette (1996), Habilitation mit Studien zu einer Kulturgeschichte des Klaviertrios (2016). Seit 1998 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Neuen Schubert-Ausgabe (Tübingen), seit 2002 zudem Mitglied der Editionleitung. Er ist seit 2007 Kuratoriumsmitglied (und seit 2013 Vorsitzender) der Stiftung Kulturfonds der VG Musikedition.