29. März 2026 nmz – HörBar – unabhängig / unbestechlich / phonokritisch

Yorgo Sicilianos

Yorgo Sicilianos
Yorgo Sicilianos
An dieser Produktion zeigt sich einmal mehr, dass Komponisten nicht immer die besten Führsprecher ihres Œuvres sind. Zwar bezieht man sich gerne auf auktoriale Äußerungen (wie auch im Booklet dieser Produktion), doch bleibt auch nicht minder oft die Frage nach dem Abstand, der Selbstreflexion und der hermeneutischen Deutung. Yorgos Sicilianos (1920–2005), einer der wichtigsten Vertreter der griechischen Musik des 20. Jahrhunderts, macht da keine Ausnahme. Seine Kommentare zu den hier eingespielten Werken sind seltsam rudimentär oder in der Formulierung geradezu pastos – und bleiben vieles schuldig. Der Produktion ist das nicht anzulasten, aber gerne hätte man eine substanziellere Einordnung gelesen. Am Ende bleibt wieder «nur» die Musik selbst – eine aus dem Wien der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts stammende ästhetische Kategorie.

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Was die hier eingespielte Musik von Yorgos Sicilianos auszeichnet, sind zweifellos ihre orchestralen Muskeln. Selten findet man Partituren, die so selbstbewusst «in die Vollen» gehen und doch kontrolliert bleiben. Es stellen sich daher Fragen: Ist es die naheliegende antike Mythologie, die die Kraft dafür gibt? Ist es die abseits der Avantgarde vollzogene Ausbildung in Athen und Rom? Wo liegen die Bezugspunkte zu anderen griechischen Komponisten (abseits des vielfach propagierten Skalkottas)? Entspricht die Partitur in ihrer Substanz wirklich dem packenden äußeren Zugriff? Derartige (Nach-)Fragen sind heute unbequem geworden – weil sie unter dem Verdacht stehen, nur unter Experten von Relevanz zu sein oder der gefühlten Qualität des unmittelbar Erlebten etwas Intellektuelles entgegenzusetzen. Die Antworten fallen aktuell vorsichtig unentschieden aus – zu wenig ist von Yorgos Sicilianos und seinen kompositorischen Weg bekannt, zu wenig lässt sich über die Werke ohne ein eingehendes Studium der Partituren sagen – obwoh dies auch der vorliegenden Einspielung vorausgegangen ist. So bleibt (vorläufig) das Erstaunen über eine kantige und knackige Sprache – und die Freude an einer hörbar enthusiastischen Einspielung.

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Yorgo Sicilianos. Daimon. Sinfonische Fantasie op. 50 (1985); Sinfonie Nr. 2 op. 58 «To the Memory of Dimitri Mitropoulos» (1977); Antiphona op. 40 für Blechbläser, Pauken und Streicher (1976)
Athens State Orchestra, Ilias Voudouris

Genuin GEN 26563 (2024)

HörBar #183 – Sinfonisches

Elsa Barraine

Autor

  • Michael Kube

    Dr. Michael Kube, geb. 1968 in Kiel, studierte Musikwissenschaft, Kunstgeschichte sowie Europäische Ethnologie/Volkskunde. Promotion mit einer Arbeit über Hindemiths frühe Streichquartette (1996), Habilitation mit Studien zu einer Kulturgeschichte des Klaviertrios (2016). Seit 1998 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Neuen Schubert-Ausgabe (Tübingen), seit 2002 zudem Mitglied der Editionleitung. Er ist seit 2007 Kuratoriumsmitglied (und seit 2013 Vorsitzender) der Stiftung Kulturfonds der VG Musikedition.

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