Joachim Held – Johann Georg WeichenbergerDass Musikgeschichte nicht immer einfach zu entschlüsseln ist, zeigt sich an der unspektakulären Biographie von Johann Georg Weichenberger (1676–1740). In Graz geboren, findet man ihn ab 1700 in den Diensten des Wiener Kaiserhofes (in der Buchhaltung!), und doch scheint er einer der wichtigsten und prägendsten Lautenisten in der Donau-Metropole gewesen zu sein. War er nun aber ein sehr begnadeter Virtuose aus dem Bürgertum oder erhielt er seine Anstellung eher pro forma, um an anderer Stelle dem Hof musikalisch zu dienen? Eine Frage, die vielleicht marginal erscheint, aber Grundsätzliches für die Implementierung von Musik in sich trägt.
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Auch Joachim Held beschäftigt sich in seinem recht knapp gefassten Booklet-Essay mit diesen Überlegungen. Vor allem wagt er mit den eigenen, über viele Jahre gesammelten Erfahrungen Zuschreibungen, die sonst kaum möglich gewesen wären. Die hier auf einer neueren 11-chörigen Laute eingespielten Suiten zeigen Weichenberger als einen profunden Komponisten, der französischen und italienischen Einfluss zu verbinden wusste, vor allem aber die südlich der Alpen nach 1700 rasch aufblühenden und vorherrschenden musikalischen Formen für sich adaptierte. Frisch musiziert, aber leider akustisch etwas blass eingefangen, setzt Joachim Held hier ein starkes Plädoyer für Johann Georg Weichenberger.
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Johann Georg Weichenberger. Suite G-Du; Suite g-Moll; Suite B-Dur; Suite B-Dur
Joachim Held (Laute) Hänssler Classics HC 22017 (2022)
Dr. Michael Kube, geb. 1968 in Kiel, studierte Musikwissenschaft, Kunstgeschichte sowie Europäische Ethnologie/Volkskunde. Promotion mit einer Arbeit über Hindemiths frühe Streichquartette (1996), Habilitation mit Studien zu einer Kulturgeschichte des Klaviertrios (2016). Seit 1998 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Neuen Schubert-Ausgabe (Tübingen), seit 2002 zudem Mitglied der Editionleitung. Er ist seit 2007 Kuratoriumsmitglied (und seit 2013 Vorsitzender) der Stiftung Kulturfonds der VG Musikedition.