15. Februar 2026 nmz – HörBar – unabhängig / unbestechlich / phonokritisch

Vivaldi – op. 8

Vivaldi – op. 8
Vivaldi – op. 8
Heute hat sich ein Dauerbrenner unter die «V… (diverse)» verirrt. Es sind die Vier Jahreszeiten von Antonio Vivaldi. Glücklicherweise ein Album, auf dem die weltbekannten Concerti nicht als Pflichtaufgabe abgeschnurrt werden, sondern in einem vielfach neuen Licht erstrahlen. Damit wird zwar nicht der bedrohliche und für alle spürbare Klimawandel aufgehoben: Ich habe im Winter seit vielen Jahren keinen permanent liegenden Schnee mehr gesehen, und verlassen im Sommer schon seit Jahren meine schöne Schreibtisch-Gaube als «bio-deutscher Klimaflüchtling». Adrian Chandler und dem Ensemble La Serenissima gelingt indes eine Neudeutung des Klassikers, ohne ihn gegen den Strich zu bürsten.

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Es sind die kleinen Gestaltungselemente: hier ein Rubato, dort eine kleine Forcierung, mal ein pointierter Rhythmus, dann wieder ein recht volksmusikalisch brummender Bordun. Nichts wirkt dabei manieristisch aufgesetzt oder mit Mätzchen versehen, vielmehr wird die Musik allein von der Musik bestimmt. Man nehme den langsamen Satz aus dem Herbst, der sich in einem statischen Fluss von Harmonien bewegt und von sehr organischen Arpeggien des Cembalos getragen wird, oder den eisigen Kopfsatz des Winters, der tatsächlich klirrt (auch mit spieltechnischen Geräuschen). Hier gibt es keine Ästhetisierung, sondern pure, unmittelbare Musik. Oder einfach Jahreszeiten, die sich neu hören und entdecken lassen – und damit zeigen, dass in diese Interpretation wirklich künstlerisch investiert wurde. Dass die weiteren beigegebenen weiteren Concerti kompositorisch nicht standhalten können, steht auf einem anderen Blatt und ist weder dem Solisten noch dem Ensemble vorzuwerfen. Sie zeigen vielmehr den exzeptionellen Rang der vier vielfach zu Tode gespielten Concerti auf. Ein mit 83 Minuten Spielzeit randvolles Album allerhöchster Qualität. Chapeau.

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Antonio Vivaldi. Concerti op. 8/1–4 «Die vier Jahreszeiten»; Concerto op. 8/5 «La Tempesta di Mare»; Concerto op. 8/6 «Il Piacere»; Concerto für Violine, Streicher & Continuo C-Dur RV 170; Concerto für 2 Violinen, Streicher & Continuo Es-Dur RV 515
La Serenissima, Adrian Chandler

Signum Classics SIG CD 886 (2024)

HörBar #178 – V… (diverse)

Lucie Vellère – Kammermusik Vogler – Scala Sinfonie & Ouvertüren

Autor

  • Michael Kube

    Dr. Michael Kube, geb. 1968 in Kiel, studierte Musikwissenschaft, Kunstgeschichte sowie Europäische Ethnologie/Volkskunde. Promotion mit einer Arbeit über Hindemiths frühe Streichquartette (1996), Habilitation mit Studien zu einer Kulturgeschichte des Klaviertrios (2016). Seit 1998 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Neuen Schubert-Ausgabe (Tübingen), seit 2002 zudem Mitglied der Editionleitung. Er ist seit 2007 Kuratoriumsmitglied (und seit 2013 Vorsitzender) der Stiftung Kulturfonds der VG Musikedition.

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This entry is part 3 of 4 in the series HörBar #178 – V… (diverse)

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