10. Februar 2026 nmz – HörBar – unabhängig / unbestechlich / phonokritisch

Vanhal – Sinfonien

Vanhal – Sinfonien
Vanhal – Sinfonien
Erstaunlich – oder? Die meisten Eigennamen finden sich in der ersten Hälfte des Alphabets; und nimmt man «S», «Sch» sowie «St» aus, reduziert sich die Präsenz der zweiten Hälfte nochmals erheblich. In Zeiten digitaler Nachschlagewerke und Datenbanken ist diese Erkenntnis wahrscheinlich längst aus dem allgemeinen Wissen verschwunden. Wer sich aber noch an die alten und gut sortierten LP- und CD-Läden erinnert, der weiß, was ich in dieser Woche mit V (diverse) meine. Nach Verdi und Vivaldi kam nämlich auch schon dieser neugierig machende Reiter, hinter dem sich die wahre Vielfalt der Musikgeschichte zeigte – ohne Rücksicht auf Gattungen, Interpreten, Aufnahmedaten oder Labels. In unserem Sprachraum 26 x «Ein Kessel Buntes» – für den wahren Liebhaber und Kenner ein musikalisches Eldorado.

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Den alphabetischen Anfang machen dieser Hörbar Sinfonien von Johann Baptist (Jan Krtitel) Vanhal (1739–1813). Er war wohl der erste Komponist, der allein mit Komponieren und Unterrichten ein gutes und sicheres Einkommen erwirtschaftete – ganz ohne Anstellung und Gönner. Zwar finanzierte ihm ein Dresdner Adliger eine lange Reise durch Italien, doch am Ende nahm Vanhal die Anstellung nicht an: Warum die Freiheit aufgeben? Denn seine Eltern lebten in Böhmen noch in Leibeigenschaft… Mehr als 70 Sinfonien soll Vanhal in nur wenigen Jahren geschrieben haben (bei einigen ist die Authentizität fraglich). Doch um 1780 stellte er sowohl die Komposition von Sinfonien als auch die von Streichquartetten ein – genau jene Gattungen, die sich zu dieser Zeit als innovativ erwiesen. Die Gründe für Vanhals Entscheidung liegen im Dunkeln, umso mehr gilt es, sich einen Eindruck zu verschaffen. Unter den hier eingespielten Sinfonien überzeugt die in g-Moll am meisten – diese Tonart hatte ohnehin im Sturm und Drang ihre eigene Berechtigung. Dass die Musik auf diesem Album aber nicht recht «zünden» will, ist der Einspielung zuzuschreiben. Man muss sie nicht mit jener des Concerto Köln aus den 1990er Jahren vergleichen, um zu spüren, dass das Münchner Rundfunkorchester zwar mit Elan, aber auch begrenztem Ausdrucksvermögen die Partituren realisiert. Ob mit Ivan Repušić zudem der richtige Mann am Pult stand, sei dahingestellt: Seine Diskographie hat ihren Schwerpunkt dann doch bei Verdi und Puccini und der großen Bühne…

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Johann Baptist Vanhal. Sinfonie g-Moll (Bryan g1); Sinfonie A-Dur (Bryan A4); Sinfonie a-Moll (Bryan a4); Sinfonie F-Dur (Bryan F5)
Münchner Rundfunkorchester, Ivan Repušić

cpo 555 433-2 (2020)

Autor

  • Michael Kube

    Dr. Michael Kube, geb. 1968 in Kiel, studierte Musikwissenschaft, Kunstgeschichte sowie Europäische Ethnologie/Volkskunde. Promotion mit einer Arbeit über Hindemiths frühe Streichquartette (1996), Habilitation mit Studien zu einer Kulturgeschichte des Klaviertrios (2016). Seit 1998 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Neuen Schubert-Ausgabe (Tübingen), seit 2002 zudem Mitglied der Editionleitung. Er ist seit 2007 Kuratoriumsmitglied (und seit 2013 Vorsitzender) der Stiftung Kulturfonds der VG Musikedition.

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This entry is part 1 of 1 in the series HörBar #178 – V… (diverse)

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