Wind SerenadesFrüher waren solche Alben im lokalen Fachhandel nicht sonderlich beliebt. Bei mehr als einem Komponisten gelangten sie rasch unter «Diverse» oder bei sehr guter Kuratierung in ein nach Gattungen sortiertes Regal. Für mich war das damals ein Eldorado, eine Fundgrube mit unerhörtem Repertoire. Wo aber wohl die Wind Serenades einsortiert worden worden? Unter Bläserkammermusik? Sinfonik? Joachim Raff schuf jedenfalls eine Sinfonietta (mit zahlreichen Mendelssohn-Anklängen) Gustav Schreck (1849–1918, zuletzt Thomaskantor in Leipzig) ein Nonett Divertimento und Salomon Jadassohn eine Serenade. Jede dieser Bezeichnungen trägt jeweils andere Topoi und satztechnische Implikationen in sich …
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Heute lassen sich Komponist und Werk im Streaming vielfach leichter auffinden – nur weist der Titel des Albums vielleicht in eine falsche Richtung. Denn es handelt sich bei weitem nicht um bloße «Serenaden», sondern um Partituren mit größerem Anspruch – die Harmonie-Besetzung sollte nicht zu rasch die Vorstellung eines Outdoor-Ambientes heraufbeschwören. Leider erfährt man im Booklet nichts über die Besetzung der Werke (die Bläser der Jenaer Philharmoniker werden mit 2-2-3-3 und zwei Hörnern gelistet). Seltsam ist zudem, dass im Essay Jadassons Serenade nicht wie üblich als Dezett, sondern als «Dezimett» bezeichnet wird (was mir zu sehr nach Handwerker-Marmelade klingt). Mit glasklarer Intonation, ruhigem Fluss und gelegentlich zupackenden Momenten herausragend gespielt, gewährt das Album einen überraschenden Blick in ein vergessenes Repertoire, das aber noch heute bestens unterhalten kann und jeder größeren Bläservereinigung zu empfehlen ist (mich überzeugt die inspirierte Serenade des angeblich so akademischen Jadassohn am meisten).
Dr. Michael Kube, geb. 1968 in Kiel, studierte Musikwissenschaft, Kunstgeschichte sowie Europäische Ethnologie/Volkskunde. Promotion mit einer Arbeit über Hindemiths frühe Streichquartette (1996), Habilitation mit Studien zu einer Kulturgeschichte des Klaviertrios (2016). Seit 1998 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Neuen Schubert-Ausgabe (Tübingen), seit 2002 zudem Mitglied der Editionleitung. Er ist seit 2007 Kuratoriumsmitglied (und seit 2013 Vorsitzender) der Stiftung Kulturfonds der VG Musikedition.