Müthel – Music for Harpsichord«Seine Arbeiten sind so voller neuen Gedanken, so voller Geschmack, Anmuth und Kunstfertigkeit, daß ich mich nicht scheuen würde, sie unter die grössesten Produkte unsrer Zeit zu rechnen. So ausserordentlich das Genie und die Kunst dieses Tonkünstlers sind, so ist er doch in Deutschland nicht sehr bekannt…» Als Charles Burney diese Bemerkungen niederschrieb, stand Johann Gottfried Müthel (1728–1788) schon seit Jahren in Diensten des Barons Otto von Hermann von Vietinghoff in Riga – einer Stadt, die Burney nicht besuchte («ob er gleich an einem Orte sieht, der unter russische Bothmässigkeit gehört»). Burney sah den Stil von Müthel näher an dem von CPE Bach als den irgendeines anderen Komponisten. Und er sollte mit seiner Einschätzung bis heute Recht behalten: Müthel ist noch immer «nicht sehr bekannt».
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Geboren in Mölln, kam er über Lübeck an den Hof nach Schwerin; eine längere Kunstreise führte ihn 1750/51 nach Leipzig (JS Bach) und Dresden (Hasse) nach Potsdam (CPE Bach) und Hamburg (Telemann). Und tatsächlich darf man Müthel zu den großen Protagonisten des empfindsamen Stils und des «Sturm und Drang» rechnen. Das zeigen auch die Duette und Sonaten aus den Jahren zwischen 1756 und 1780 auf diesem Doppel-Album. Dabei sind die Duette (besser eher: Duos) herausragend. Sie wurden an wenig prominenter und zudem peripherer Stelle in Riga als für «2 Claviere, 2 Flügel, oder 2 Fortepiano» gedruckt – eine Ausgabe, die so auch den radikalen Umbruch zwischen Clavichord, Cembalo und modernem Klavier dokumentiert. Die hier eingespielten Sonaten wurden hingegen 1756 in Nürnberg gedruckt. Für die auch akustisch exzellente Einspielung wurden zwei Cembalo-Nachbauten verwendet – eine Entscheidung, die auf den ersten Blick etwas konservativ wirkt, die aber durch das fulminante und frei gestaltende Spiel von Anna Clemente und Giacomo Benedetti als vollkommen gerechtfertigt erweist. Auch wenn ich oft genug mit den Produktionen von Brilliant Classics hadere: hier passt sehe sehr viel zusammen.
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Johann Gottfried Müthel. Sonaten Nr. 1–3; Divertimento B-Dur; Duett für 2 Cembali C-Dur; Duett für 2 Cembali Es-Dur
Anna Clemente (Cembalo), Giacomo Benedetti (Cembalo) Brilliant Classics 96344 (2021)
Dr. Michael Kube, geb. 1968 in Kiel, studierte Musikwissenschaft, Kunstgeschichte sowie Europäische Ethnologie/Volkskunde. Promotion mit einer Arbeit über Hindemiths frühe Streichquartette (1996), Habilitation mit Studien zu einer Kulturgeschichte des Klaviertrios (2016). Seit 1998 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Neuen Schubert-Ausgabe (Tübingen), seit 2002 zudem Mitglied der Editionleitung. Er ist seit 2007 Kuratoriumsmitglied (und seit 2013 Vorsitzender) der Stiftung Kulturfonds der VG Musikedition.