17. Januar 2026 nmz – HörBar – unabhängig / unbestechlich / phonokritisch

Mozart Momentum 1786

Mozart Momentum 1786
Mozart Momentum 1786
Sofort fühle ich mich beim Titel dieses Albums an den legendären Bestseller Mozarts letztes Jahr von H. C. Robbins Landon erinnert. Zwar sind es bis zum Ableben Mozarts im Jahr 1791 noch gut fünf Jahre, und doch hat eine solche kalendarische Eingrenzung eine gewisse Zugkraft. Dass eine Saison oder Spielzeit damals wie heute freilich immer über den Jahreswechsel hinausragt, wird dabei zugunsten der vermeintlichen Klarheit und Griffigkeit schlichtweg ignoriert – oder geopfert. Und so finden sich im Jahrgang 1786 das am 2. März abgeschlossene Klavierkonzert A-Dur KV 488 neben dem Klaviertrio B-Dur KV 502 (18. November) und der Arie «Ch’io mi scordi di te?» – «Non temer, amato bene» KV 505 (Ende Dezember). Die schlichte Jahreszahl bildet (wie schon bei der ersten Folge mit 1785) kaum mehr als eine Folie für ein Programm.

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Natürlich ist es nach wie vor verblüffend, was innerhalb von 365 Tagen alles bei Mozart über den Schreibtisch ging. Aber man hat bei einem solchen Konzept auch mit Fehlstellen zu tun – hier etwa Le nozze di Figaro oder Stücke für die Freimaurerei. Alles kann freilich Leif Ove Andsnes nicht leisten – und so bleiben die beiden CDs eben doch auf das Klavier beschränkt –, wenngleich mit einer interessanten Kombination aus Konzert, Kammermusik, Klavier-Rondo und Konzertarie (mit einem obligaten Part). Das interpretatorische Ergebnis dieses weit gefassten Projekts ist am Ende dann aber wie immer eine Sache des Geschmacks. Bei den Konzerten wirken einzelne Passagen des Orchesterparts packend, anderes aber zu weich. Auch werden die in der Partitur so wichtigen Bläserpartien gegenüber dem Tasteninstrument akustisch unentschlossen behandelt. Beim Klaviertrio rächt sich die Verwendung eines modernen Flügels (die Faktur löst sich auf), beim größer besetzten Klavierquartett ist das Ensemble kompakter eingefangen. An der Konzertarie stört die gegenüber der Stimme viel größere Präsenz des Klaviers. Dass Leif Ove Andsnes auch als musikalischer Leiter seinen Mozart nicht gegen den Strich bürstet, war zu erwarten. Mehr als frische Impulse vermag diese Einspielung also nicht zu setzen. Ich bevorzuge dann doch von Werk zu Werk den Griff ins Regal mit unterschiedlichen Sichtweisen, die in der Summe viel mehr Möglichkeiten dieser Musik abdecken.

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Mozart Momentum 1786
Wolfgang Amadeus Mozart. Klavierkonzert Nr. 23 A-Dur KV 488; Rezitativ und Arie «Ch’io mi scordi di te?» – «Non temer, amato bene» KV 505; Klavierquartett Nr. 2 Es-Dur KV 493; Rondo D-Dur KV 485 für Klavier; Klaviertrio B-Dur KV 502; Klavierkonzert Nr. 24 c-Moll KV 491
Leif Ove Andsnes (Klavier & Leitung), Christiane Karg (Sopran), Matthew Truscott (Violine), Joel Hunter (Viola), Franz-Michael Guthmann (Violoncello); Mahler Chamber Orchestra

Sony 19439854512 (2020, 2021)

HörBar #175 – Anno Domini

Mozart – Grétry – 1773

Autor

  • Michael Kube

    Dr. Michael Kube, geb. 1968 in Kiel, studierte Musikwissenschaft, Kunstgeschichte sowie Europäische Ethnologie/Volkskunde. Promotion mit einer Arbeit über Hindemiths frühe Streichquartette (1996), Habilitation mit Studien zu einer Kulturgeschichte des Klaviertrios (2016). Seit 1998 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Neuen Schubert-Ausgabe (Tübingen), seit 2002 zudem Mitglied der Editionleitung. Er ist seit 2007 Kuratoriumsmitglied (und seit 2013 Vorsitzender) der Stiftung Kulturfonds der VG Musikedition.

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This entry is part 4 of 4 in the series HörBar #175 – Anno Domini

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