Mozart – Grétry – 1773Das Orkester Nord unter der Leitung von Martin Wahlberg macht aus den mit bewundernswerter Präzision und Raffinesse eingespielten Werken ein Weltendrama – ganz so, wie man es dieser Tagen auch selbst wahrnehmen kann. Der Fokus liegt freilich auf dem Jahr 1773, das politisch eher ruhig war, musikalisch aber aufbrauste. So bei Wolfgang Amadeus Mozart und seiner frühen Sinfonie g-Moll KV 183 und bei André-Ernest-Modeste Grétry (1741–1813) in dessen am 30. Dezember in Versailles uraufgeführten Ballettoper Céphale et Procris ou l’Amour conjugal. Trotz ihrer griffigen Harmonik und dynamischen Wechsel wird man diese abendfüllende Partitur kaum mit dem deutschsprachigen «Sturm und Drang» in Verbindung bringen, und doch steht sie auf verblüffende Weise in virtueller «Fernwirkung» zu Mozarts Komposition.
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Aus demselben Jahr stammt auch das Schauspiel Thomas, König von Ägypten, zu dem Mozart eine Schauspielmusik KV 345/336a schuf (zunächst zwei Chöre, später dann noch Zwischenaktmusiken). Vier der Musiken wurden auf diesem Album zu einer Suite zusammengefasst und bilden so gleichsam eine weitere hochdramatische sinfonische Folge mit kernigen Affekten. Sie werden bei dieser Einspielung geradezu lustvoll akzentuiert, der Orchestergraben wird auf das Podium gehoben und in der scharf gewürzten g-Moll-Sinfonie eine eigene Szenerie entworfen. Umso auffälliger ist dann, wie sehr die Musik von Grétry, der zu seiner Zeit hochgeschätzt wurde, sowohl in der Vielfalt des Ausdrucks als auch in der Varianz der Instrumentation zurückfällt. Nicht weil sie formelhaft wären, sondern weil sie in der kantigen Deutung des Orkester Nord von der ihr innewohnenden Eleganz verliert (und dennoch eine hoch willkommene Hör-Bereicherung darstellt). Ein Album von ernster Aktualität.
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Mozart – Grétry – 1773
Wolfgang Amadeus Mozart. Sinfonie Nr. 25 g-Moll KV 183; Thamos, König in Ägypten KV 345 / 336a (Suite); André Grétry. Céphale et Procris, ou l’Amour conjugal (Suite)
Orkester Nord, Martin Wahlberg Aparté AP 293 (2021)
Dr. Michael Kube, geb. 1968 in Kiel, studierte Musikwissenschaft, Kunstgeschichte sowie Europäische Ethnologie/Volkskunde. Promotion mit einer Arbeit über Hindemiths frühe Streichquartette (1996), Habilitation mit Studien zu einer Kulturgeschichte des Klaviertrios (2016). Seit 1998 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Neuen Schubert-Ausgabe (Tübingen), seit 2002 zudem Mitglied der Editionleitung. Er ist seit 2007 Kuratoriumsmitglied (und seit 2013 Vorsitzender) der Stiftung Kulturfonds der VG Musikedition.