20. Januar 2026 nmz – HörBar – unabhängig / unbestechlich / phonokritisch

Edition Hofkapelle – Harmoniemusik

Edition Hofkapelle – Harmoniemusik
Edition Hofkapelle – Harmoniemusik
Um das Jahr 1800 war Harmoniemusik einfach «in». Wer sich als Adeliger keine geordnete Hofkapelle leisten konnte, der griff gerne auf ein Bläseroktett (oft mit einem verstärkenden Kontrabass) zurück. Aber auch der höhere Adel schätzte den unterhaltsamen Tonfall, der sich sofort bei Outdoor-Events oder auch bei Tisch gut machte. Im Haydn-Haus Eisenstadt ist dazu ein originaler, handwerklich gut gearbeiteter, klappbarer(!) Notenständer «per tutti» zu besichtigen. Mich selbst fasziniert die Besetzung mit paarweisen Oboen, Klarinetten, Hörnern und Fagotten schon Jahrzehnten – doch nicht durch Mozarts Werke, sondern durch Joseph Haydns durchgehend kurzweilige, spritzige Partiten – dank der alten Decca-Gesamtaufnahme auf LP.

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Auf diesem Album nun lgen Mitgliedern des Beethoven Orchesters Bonn den Fokus auf die frühen Jahre des Titanen. Tatsächlich blieben sein Oktett op. 103 und das Sextett op. 71 bis heute immer am Rande – vielleicht zu freundlich als bloße Unterhaltung gespielt, vielleicht immer im Schatten von Klaviertrio, Streichquartett und Sinfonie. Jedenfalls datieren diese Werke aus den ersten Wiener (und nicht Bonner) Jahren, die hohe Opuszahl verweist lediglich auf die später liegenden Druckausgaben. Die Einspielung mit ihren spritzigen und griffigen Interpretationen verweist (auch im Booklet) auf die Opera buffa jener Zeit, und trifft damit in die Mitte der Partituren. Dies gilt auch für eine Partita von Joseph Reicha (1752–1795), die für den Hof von Oettingen-Wallerstein bestimmt war. Die von Beethoven geschätzte Musik von André-Ernest-Modeste Grétry (1741–1813) hinterlässt allerdings einen leicht schwächeren Eindruck, obwohl sie wirklich dicht am Geschmack und Geist der Zeit war. Sie weitet eher den Blick, als dass sie anrührt (Beethoven wählte später ein Thema aus Richard Cœur-de-Lion für die Klaviervariationen, WoO 72). Mit Ausnahme der Naturhörner (hörbar!) wird auf Instrumenten moderner Bauart gespielt. Wie aber hätte alles mit wirklich historischen Nachbauten geklungen?

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Edition Hofkapelle 1. Harmoniemusik
Ludwig van Beethoven. Oktett op. 103; Sextett op. 71; André-Ernest-Modeste Grétry. Richard Cœur-de-Lion Suite Nr. 2 (arr. Franz Ehrenfried); Joseph Reicha. Bläserpartita (Sextett) Es-Dur
Bonner Hofkapelle, Lorenzo Coppola

MDG 9382250-6 (2021)

Autor

  • Michael Kube

    Dr. Michael Kube, geb. 1968 in Kiel, studierte Musikwissenschaft, Kunstgeschichte sowie Europäische Ethnologie/Volkskunde. Promotion mit einer Arbeit über Hindemiths frühe Streichquartette (1996), Habilitation mit Studien zu einer Kulturgeschichte des Klaviertrios (2016). Seit 1998 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Neuen Schubert-Ausgabe (Tübingen), seit 2002 zudem Mitglied der Editionleitung. Er ist seit 2007 Kuratoriumsmitglied (und seit 2013 Vorsitzender) der Stiftung Kulturfonds der VG Musikedition.

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