de Saint-Georges – QuartetteEr war zweifellos eine illustre Persönlichkeit, bei der die Musik nur einen Aspekt unter vielen darstellte – wenn auch für eine gewisse Zeit den bedeutendsten. Geboren auf Haiti, erhielt Joseph Bologne, Chevalier de Saint-Georges (1745–1799) in Paris zunächst erstklassigen Unterricht im Fechten und Reiten, dann auch auf der Violine und im Komponieren. 1773 folgte er Gossec in der Leitung der Concerts des Amateurs; nach deren Auflösung leitete er ab 1783 die Concert de la Loge Olympique. Während der Revolution hielt er sich in England auf, wo er seinen Lebensunterhalt durch öffentliche Fechtkämpfe verdiente. Auch verschlug es ihn zeitweise wieder nach Haiti, um dann in Paris den Cercle de l’Harmonie kurzzeitig zu leiten. Eine Biografie, zu der man im 19. Jahrhundert spannende Romane hätte schreiben können.
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Sein musikalisches Talent scheint Saint-Georges vor allem in den 1770er Jahren verfolgt zu haben. Als Solist debütierte er mit eigenen Konzerten 1772, sein erstes Bühnenwerk floppte allerdings 1777 fulminant. Gedruckt wurden instrumentale Werke – darunter drei der zeittypischen «Sixpacks» an Streichquartetten, die als op. 1 (1773) und op. 14 (1785) auch den Rahmen setzen. Die hier eingespielten Quartette erschienen 1777 ohne Opuszahl – freilich in einer vor Fehlern nur so strotzenden Ausgabe, dass man kaum an einen «rechtmäßigen» Druck denken mag. Es handelt sich um zweisätzige Werke (eine Anlage, der man auch bei Boccherini in seiner «kleinen» Serie begegnet), allerdings in «konzertanter» Faktur, die auch dem Violoncello bedeutende Partien zuschreibt. Das international besetzte Arabella String Quartet vermag es, diese Musik des Übergangs auch mit den etwas zu voluminösen modernen Instrumenten durchweg anregend und munter erscheinen zu lassen – durch einen leichten Strich, reine Intonation und eine fein ausgehörte Gestaltung der Linien. Ein Gewinn.
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Joseph Bologne Chevalier de Saint-Georges. Six Quartetto concertans (1777)
Arabella String Quartet Naxos 8.474360 (2021)
Dr. Michael Kube, geb. 1968 in Kiel, studierte Musikwissenschaft, Kunstgeschichte sowie Europäische Ethnologie/Volkskunde. Promotion mit einer Arbeit über Hindemiths frühe Streichquartette (1996), Habilitation mit Studien zu einer Kulturgeschichte des Klaviertrios (2016). Seit 1998 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Neuen Schubert-Ausgabe (Tübingen), seit 2002 zudem Mitglied der Editionleitung. Er ist seit 2007 Kuratoriumsmitglied (und seit 2013 Vorsitzender) der Stiftung Kulturfonds der VG Musikedition.