18. Januar 2026 nmz – HörBar – unabhängig / unbestechlich / phonokritisch

Calcutta – 1789

Calcutta – 1789
Calcutta – 1789
Selbst auf alte Schlagertexte kann man sich nicht mehr verlassen. Kalkutta heißt schon lange nicht mehr so (sondern seit 25 Jahren Kolkata), und am Ganges hat die Metropole im Osten Indiens nie gelegen. Was sich aber hinter dem Motto des Albums verbirgt, das ist am Ende weitaus faszinierender als viele der eingespielten Stücke und Werke. Denn das einstige Zentrum der Britischen Ostindien-Kompanie zog nicht nur Waren und Händler an, sondern entwickelte im 18. Jahrhundert auch ein respektables Musikleben. Zentrale Figur war dabei William Hamilton Bird (genaue Lebensdaten unbekannt), der nach Londoner Vorbild Subskriptionskonzerte veranstaltete und mehr noch 1789 eine Sammlung von Transkriptionen indischer Musik im Druck herausgab: The Oriental Miscellany; being a collection of the most favourite airs of Hindoostan, compiled and adapted for the Harpsichord.

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Ganz so unbekannt ist diese aufregende Sammlung freilich nicht. Bereits 2015 hat Jane Chapman eine Einspielung vorgelegt (Simax Classics) und längst ist klar, dass Mr. Bird zu dieser Zeit und an jedem nicht der einzige Musiker mit ethnologischen Ambitionen war: Ebenfalls aus den 1780er Jahren stammt eine handschriftlich überlieferte Sammlung von Sophia Plowden. Dass kaum etwas von den charakteristischen Eigenarten der indischen Musik auf das Cembalo zu übertragen war (zumal bei einer unterlegten westeuropäischen Harmonik), wird im ersten Track des Albums mit sehr instruktiven Wechseln zwischen den Welten unmissverständlich offengelegt. Eigentlich ein Versprechen für noch weitere Gegenüberstellungen – doch das Programm nimmt einen anderen Weg. Eingespielt wurden Werke, die einst in Notenausgaben vorlagen und die kulturelle Verzahnung der Eliten nach England dokumentieren: Händel, Johann Christoph Bach, Carl Friedrich Abel und sogar Henry Purcell. Zwei weitere Transkriptionen in eigenen Ensemble-Arrangements wirken dagegen eher wie von gepuderten Köpfen gespielte exotische Nummern. – Was bleibt: Das Album ist eher als ein musikalisch sehr lebendiges kulturhistorisches Dokument zu hören, gleichsam als klingende Untermalung des Portraits von Colonel William Blair und seiner Familie aus dem Jahr 1786, das im Booklet leider nur schwarz-weiß abgebildet ist.

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anonymous. Sakia (Hindustani Air, ca. 1789); Johann Christian Bach. Quintett F-Dur op. 22/2 für Oboe, Violine, Viola, Violoncello und Cembalo (1785); Quintett D-Dur op. 22/1 für Travesflöte, Oboe, Violine, Violoncello and Cembalo (1785, Auszüge); Georg Friedrich Händel. Quartet G-Dur «My song shall be alway» für Oboe, zwei Violinen und Bass (ca. 1717); Henry Purcell. «If Love’s a Sweet Passion», aus: The Fairy Queen; Fairest Isle, aus: King Arthur; Carl Friedrich Abel. Quartett B-Dur op. 12/5 für Oboe, Violin, Viola und Bass (1774); William Hamilton Bird. Rekhtah «Mera peara ab ia re», aus: Oriental Miscellany (1789); Georg Friedrich Händel. Auszüge aus «Handel’s Songs, selected from his Oratorios, for the Harpsichord, Voice, Hautboy or German Flute (1786)»: William Hamilton Bird. Terana «Dandera vakee», aus: Oriental Miscellany (1789); Henry Purcell. Rondeau, aus: Indian Queen
Ensemble Notturna

Atma ACD2 2831 (2021)

HörBar #175 – Anno Domini

Mozart Momentum 1786

Autor

  • Michael Kube

    Dr. Michael Kube, geb. 1968 in Kiel, studierte Musikwissenschaft, Kunstgeschichte sowie Europäische Ethnologie/Volkskunde. Promotion mit einer Arbeit über Hindemiths frühe Streichquartette (1996), Habilitation mit Studien zu einer Kulturgeschichte des Klaviertrios (2016). Seit 1998 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Neuen Schubert-Ausgabe (Tübingen), seit 2002 zudem Mitglied der Editionleitung. Er ist seit 2007 Kuratoriumsmitglied (und seit 2013 Vorsitzender) der Stiftung Kulturfonds der VG Musikedition.

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