30. November 2025 nmz – HörBar – unabhängig / unbestechlich / phonokritisch

Peter Schat – Concertgebouw Orchestra

Peter Schat – Concertgebouw Orchestra
Peter Schat – Concertgebouw Orchestra
Von Peter Schat (1935–2003) dürften bisher die wenigsten gehört haben, obwohl er in den 1960er Jahren zu den markantesten Erscheinungen der niederländischen Avantgarde zählte. Zunächst positionierte er sich zeittypisch links außen und provozierte später noch durch provokante Äußerungen zur Gesellschaft und zum Musikleben. Seine theoretischen Reflexionen zum Tonsystem und zu seinem eigenen Schaffen bildeten dann die Grundlage für De Toonklok (Die Tonuhr) – ein 1984 im Druck erschienenes Buch, in dem Schat Tonalität, Chromatik und Dodekaphonie in einer gleichsam universellen Formel zusammenführte. Ein innovativer zyklischer Ansatz, der mir bis zur Lektüre des Booklets zu diesem Album gänzlich unbekannt war.

Werbung

Nur wenig später distanzierte sich Schat politisch durch die Widmung seiner sinfonischen Variationen De Hemel (Der Himmel, 1989/90): «den Märtyrern für die Demokratie auf dem Platz des Himmlischen Friedens.» Man kann die Komposition in der gewichtigen Tradition der großen Variationsfolgen von Brahms (op. 56) über Reger (op. 132) zu Schönberg (op. 31) sehen, doch greift die Anlage tiefer, indem sie gleichsam selbst das zugrunde liegende Material bildet (ein vorgelagertes Thema entfällt somit). Der Verlauf der Variationen ist den einzelnen «Stunden» der Tonuhr verpflichtet, die ähnlich wie bei Messiaen als Modi auch Wirkungen auf das Tonfeld und den Ausdruckscharakter haben. Dass die noch immer aktuell anmutende Live-Einspielung dieses großen (und großartigen) Werks erst nach 32 Jahren wieder aufgelegt wird, ist dann doch verblüffend.

Werbung

Peter Schat. Sinfonische Variationen «De Hemel» op. 37
Concertgebouw Orchestra, Riccardo Chailly

Brilliant Classics 97006 (1992)

HörBar #171 – Sinfonisches

Wolfgang Amadeus Mozart – Le Concert de la Loge

Autor

  • Michael Kube

    Dr. Michael Kube, geb. 1968 in Kiel, studierte Musikwissenschaft, Kunstgeschichte sowie Europäische Ethnologie/Volkskunde. Promotion mit einer Arbeit über Hindemiths frühe Streichquartette (1996), Habilitation mit Studien zu einer Kulturgeschichte des Klaviertrios (2016). Seit 1998 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Neuen Schubert-Ausgabe (Tübingen), seit 2002 zudem Mitglied der Editionleitung. Er ist seit 2007 Kuratoriumsmitglied (und seit 2013 Vorsitzender) der Stiftung Kulturfonds der VG Musikedition.

    View all posts
hoerbar_nmz

Der HörBar-Newsletter.

Tragen Sie sich ein, um immer über die neueste Rezension informiert zu werden - entweder täglich oder mit den Rezensionen der vergangenen Woche am Sonntag.

Liste(n) auswählen:
DSGVO-Abfrage*

Wir senden keinen Spam! Erfahre mehr in unserer Datenschutzerklärung.

This entry is part 5 of 5 in the series HörBar #171 – Sinfonisches

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahren Sie, wie Ihre Kommentardaten verarbeitet werden.