21. Mai 2026 nmz – HörBar – unabhängig / unbestechlich / phonokritisch

Cor Basse – Teunis van der Zwart

Cor Basse – Teunis van der Zwart
Cor Basse – Teunis van der Zwart
Ein Album mit einem regelrechten «Wow-Effekt». Schon seit langem bin ich ein Freund historischer Blasinstrumente, zumal wenn es um die adäquate Realisation dereinst zeitgenössischer Musik geht. Vor allem die Holzbläser lassen in diesem Sinne immer wieder aufhorchen und zeigen, dass bestimmte Werke mit heutigen «modernen» Instrumenten irgendwie «falsch» klingen, auf jeden Fall aber ihren inneren Drive und die klangliche Vielfalt der Obertöne verloren haben. So auch beim Horn – nur dass mir lange Zeit der erhebliche Unterschied zwischen offenen und gestopften Tönen merkwürdig drastisch erschien und mehr Fragen als Antworten aufwarf. Des Rätsels Lösung liegt offenbar, folgt man Teunis van der Zwart, in der Mensur des Mundstücks, das bei ihm (nach umfassenden historischen Studien und eigenen Erfahrungen) weiter gefasst ist, was nicht nur einen wärmeren Ton ermöglicht, sondern auch einen eleganteren Wechsel.

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Und so schafft diese Produktion erfrischende Klarheit bei Beethoven (op. 17) – wirft aber auch neue Fragen und Herausforderungen im weiteren Repertoire auf, etwa in der Sonate von Ferdinand Ries (1784–1838), einem Konzert von Václav Stich, der italianisiert als Giovanni Punto (1746–1803) in die Geschichte einging, sowie einer Sonate von Franz Danzi (1763–1826). Entscheidend dürfte gewesen sein, dass mit diesen Werken das Horn aus seiner idiomatischen Nische herausgeholt wurde und neben Quinten, Sexten und charakteristischen Rufen auch reichlich Melodien entfalten konnte. Dass dabei zwischen dem Cor alto und dem Cor basse differenzierte wurde, ist heute kaum mehr bekannt – umso mehr zeigt diese Produktion auf, was damals «ging» und wie man sich den Klang des Instruments kompositorisch erarbeitete. Teunis van der Zwart und Alexander Melnikov leisten in dieser Hinsicht auch noch im 21. Jahrhundert Pionierarbeit. Und ja: Dieses Album ist absolut hörenswert und sollte die Ohren für ein Instrument im Umbruch öffnen.

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Horn & Piano. A Cor Basse Recital
Ludwig van Beethoven. Sonate für Horn und Klavier F-Dur op. 17; Ferdinand Ries. Sonate für Horn und Klavier F-Dur op. 34; Giovanni Punto. Hornkonzert Nr. 1 E-Dur (in der Transkription für Horn und Klavier); Franz Danzi. Sonate für Horn und Klavier Es-Dur op. 28
Teunis van der Zwart (Cor Basse), Alexander Melnikov (Hammerklavier)

harmonia mundi HMM 905351 (2020)

HörBar #187 – Horn & Hörner

Horn Trios

Autor

  • Michael Kube

    Dr. Michael Kube, geb. 1968 in Kiel, studierte Musikwissenschaft, Kunstgeschichte sowie Europäische Ethnologie/Volkskunde. Promotion mit einer Arbeit über Hindemiths frühe Streichquartette (1996), Habilitation mit Studien zu einer Kulturgeschichte des Klaviertrios (2016). Seit 1998 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Neuen Schubert-Ausgabe (Tübingen), seit 2002 zudem Mitglied der Editionleitung. Er ist seit 2007 Kuratoriumsmitglied (und seit 2013 Vorsitzender) der Stiftung Kulturfonds der VG Musikedition.

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