Homilius / CPE Bach – Lukas-Passion (1775)Gottfried August Homilius (1714–1785) gehört zu jenen Meistern des 18. Jahrhunderts, deren Werk zunächst noch eine Zeit lang weiter tradiert, dann aber bis weit ins 20. Jahrhundert vergessen wurde. Allenfalls enzyklopädisches Interesse hielt die Erinnerung wach, sein umfangreiches kompositorisches Œuvre wird erst seit geraumer Zeit wiederentdeckt. Dies muss erstaunen, denn Homilius war als Organist an der Frauenkirche, später als Kreuzkantor und Musikdirektor, drei Jahrzehnte lang an zentraler Stelle in Dresden tätig. Der Überlieferungsweg «seiner» Lukas-Passion ist kurios und wirft ein Schlaglicht auf ganz unterschiedliche Passions-Traditionen. Denn CPE Bach verwendete 1775 das Werk in einer anonymen Abschrift zur musikalischen Gestaltung der sehr speziellen, etwas altertümelnden Hamburger Liturgie: Ein jährlich wechselndes Werk wurde in allen großen Kirchen binnen Tagen in Folge aufgeführt – und verschwand nach dieser «Saison» wieder vollständig.
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Mit Kürzungen, einem neuen Libretto und eigenen Ergänzungen versehen, lag der Partitur (belegt durch ihre Choralsätze) ursprünglich die Komposition «Du starker Kettentreter» von Homilius zugrunde. Wie bei der Oper gab es auch bei diesem Pasticcio keine Autorennennung, kein Copyright, keine Tantiemen. Unklar ist, warum sich CPE Bach fremder Werke bediente, statt die Wiederholung eines um ein paar Jahre älteren Werkes anzustreben. – Um das sehr interessante Werk, das einmal mehr die Qualität von Homilius unterstreicht, rankt sich jedoch gleich mehrfach Vergessen und Unerreichbarkeit: zunächst der Quelle, die zum lange Jahre verschollenen Bestand der Berliner Singakademie gehört, dann die Aufnahme des Werkes, die erst sieben Jahre später auf CD erschien, und schließlich die Produktion selbst, die nicht im Streaming verfügbar ist, sondern im Netz nur rein physisch second hand kursiert. Schade um das Werk und die Interpretation. Auch eine Art des Leidens.
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Gottfried August Homilius / Carl Philipp Emanul Bach. Lukas-Passion (1775)
Caroline Weynants (Sopran), Amélie Renglet (Sopran), Clint van der Linde (Altus), Rob Cuppens (Altus), Reinoud van Mechelen (Tenor), Thibaut Lenarts (Bass), Huub Claessens (Bass), Lieven Termont (Bass), Il Fondamento, Paul Dombrecht Passacaille PAS 1052 (2013)
Dr. Michael Kube, geb. 1968 in Kiel, studierte Musikwissenschaft, Kunstgeschichte sowie Europäische Ethnologie/Volkskunde. Promotion mit einer Arbeit über Hindemiths frühe Streichquartette (1996), Habilitation mit Studien zu einer Kulturgeschichte des Klaviertrios (2016). Seit 1998 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Neuen Schubert-Ausgabe (Tübingen), seit 2002 zudem Mitglied der Editionleitung. Er ist seit 2007 Kuratoriumsmitglied (und seit 2013 Vorsitzender) der Stiftung Kulturfonds der VG Musikedition.