Gregor Joseph Werner – Der Gute HirtWenn ich eine Generation zurückdenke, dann war Gregor Joseph Werner (1695–1766) damals allenfalls als Vorgänger von Joseph Haydn im Amt des Hofkapellmeisters bei den Esterházys bekannt. Eine ungarische Neuausgabe seiner Streicherfugen machte noch die Runde, alles andere war längst über die musikgeschichtliche Kante gefallen. Erst in den letzten Jahren rückte sein Œuvre dank der Initiative von Lajos Rovátkay und mehreren Einspielungen wieder in den Fokus – und man konnte einen wirklich sehr interessanten Komponisten des späten Barock im Umfeld der Habsburger kennenlernen. Denn der aus Wien strahlende Glanz sollte sich auch im burgenländischen Eisenstadt spiegeln.
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Für den Karfreitag, den 28. März 1739, hatte Gregor Joseph Werner mit Der Gute Hirt ein musikalisch-dramatisches Oratorium geschaffen, das nach Inhalt und Form dem bald aus der Mode kommenden Sepolcro entspricht, das historisch auf mittelalterliche Mysterienspiele zurückgeführt werden kann und in der Karwoche auf das Begräbnis Jesu Christi Bezug nimmt. Werner schuf für sein Oratorium ein eigenes Libretto, das auf dem Gleichnis vom Guten Hirten im Lukas-Evangelium basiert. Darin nimmt dieser auch das entlaufene Schaf (den sündigen Menschen) wieder in seine Obhut. Musikalisch handelt es sich um eine achtmalige Folge von Rezitativ und Arie; am Schluss stehen ein Chor der Hirten und eine Chorfuge von «derer Schäflein». Wer schon einmal etwas von Werner aufmerksam gehört hat, wird seine wunderbar fließende, harmonisch gelegentlich eher sanft als kantig akzentuierende Sprache sofort wiedererkennen. Chor, Ensemble und Solisten realisieren die Partitur vorzüglich und mit durchatmender Spannung.
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Gregor Joseph Werner. Der Gute Hirt (1739)
Ágnes Kovács (Sopran), Péter Bárány (Countertenor), Zoltán Megyesi (Tenor), Lóránt Najbauer (Bass), Purcell Choir, Orfeo Orchestra, György Vashegyi Accent ACC 26502 (2019)
Dr. Michael Kube, geb. 1968 in Kiel, studierte Musikwissenschaft, Kunstgeschichte sowie Europäische Ethnologie/Volkskunde. Promotion mit einer Arbeit über Hindemiths frühe Streichquartette (1996), Habilitation mit Studien zu einer Kulturgeschichte des Klaviertrios (2016). Seit 1998 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Neuen Schubert-Ausgabe (Tübingen), seit 2002 zudem Mitglied der Editionleitung. Er ist seit 2007 Kuratoriumsmitglied (und seit 2013 Vorsitzender) der Stiftung Kulturfonds der VG Musikedition.