
Umso erstaunlicher ist es, dass nun binnen kürzester Zeit ihre ersten beiden so auch bezeichneten Sinfonien gleich zweimal eingespielt wurden – höchst unterschiedlich zumal. Das im Februar bei Warner Classics erschienene Album mit dem Orchestre National de France unter Cristian Măcelaru ist für meine Ohren vergleichsweise blass ausgefallen und verschenkt die Entdeckungen. Anders die Produktion bei cpo mit dem WDR Sinfonieorchester Köln unter Elena Schwarz aus dem letzten Jahr: Sie ist akustisch absolut direkt, interpretatorisch zupackend und mit spürbarem Elan im Orchester. Sie überzeugt so sehr, dass es unverständlich ist, warum diese Kompositionen im Musikleben bisher keinen Platz gefunden haben. Es ist die Kraft dieser in jedem Takt präsenten und frei von Ismen notierten Musik, die mitreißt. Elsa Barraine schreibt auf eigene Weise und mit einem weiten Blick auf dramaturgische Abläufe – sowohl was die Melodik als auch die Harmonik betrifft. Dies betrifft auch die Musique funèbre pour la Mise au tombeau du Titien (1953), eine Trauermusik zur Grablegung des Tizian, die in den 1950er Jahren geradezu oppositionell zu all jenen seriellen Klängen steht, mit denen eine jüngere Generation nach «Schönbergs Tod» die Musikgeschichte radikal aufzuräumen versuchte. Ein sensationelles Album.
Elsa Barraine. Sinfonie Nr. 2 (1938); Illustration symphonique pour Pogromes d’André Spire (1933); Sinfonie Nr. 1 (1931); Musique funèbre pour la Mise au tombeau du Titien (1953) für Klavier und Orchester
Alberto Carnevale Ricci (Klavier), WDR Sinfonieorchester Köln, Elena Schwarz
cpo 555 704-2 (2024)
