George Enescu – Fine Arts QuartetNoch immer liegt ein Schatten auf dem zweifellos singulären wie hochkarätigen kompositorischen Schaffen von George Enescu (1881–1955), so bedeutend war sein umfangreiches Wirken als Virtuose, Kammermusiker und Pädagoge auf der Violine. Möglicherweise stand einer breiteren Rezeption der Werke aber auch seine geniale Frühreife im Wege: Konnte sich Enescu als Interpret schon in jungen Jahren problemlos die großen Podien der Welt erobern, war er als Komponist lange Jahre auf der Suche nach eigenen Formen, Harmonien und melodischen Verläufen – und dies nicht etwa im Zuge von Experimenten, sondern einer von Werk zu Werk so rasant fortschreitenden stilistischen Entwicklung, dass sowohl das Publikum wie die zeitgenössische Kritik kaum Schritt halten konnten.
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Enescu hat darüber selbst reflektiert, und dieses Album mit frühen Werken gibt einem auf dem Weg viel zu denken mit. Denn tatsächlich war er mit gut 20 Jahren ein «fertiger» Komponist – und eben doch noch nicht bei sich selbst angekommen. Das Album dokumentiert diese «Unsicherheit» aus der Rückschau und reicht bis in die späten 1890er Jahre zurück: von einem vollgültigen (und gattungstypisch sinfonisch angelegten) Klavierquintett über einige Charakterstücke bis hin zur ersten Rumänischen Rhapsodie (hier in einer Quintettbearbeitung von Jacques Enoch aus späterer Zeit). Hier und im Finale des eigentlichen Klavierquintetts tritt lokales Kolorit in ganz unterschiedlicher Weise hervor – und zeigt zwei der vielen von Enescus stilistischen Spielarten. Das Fine Arts Quartet spielt gemeinsam mit seiner Klavier-Erweiterung ausgewogen und zugleich feurig. Ein Album, das gehört werden möchte.
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George Enescu. Early Chamber Music
Klavierquintett D-Dur (1896); Prélude et Gavotte (1898); Aubade C-Dur (1899); Pastorale, Menuet triste & Nocturne (1900); Rumänische Rhapsodie Nr. 1 A-Dur op. 11 (1901) (arr. für Klavierquintett von Jacques Enoch)
Fine Arts Quartet, Gisele Witkowski (Klavier), Fabio Witkowski (Klavier), Alexander Bickard (Kontrabass)
Naxos 8.574487 (2022)
Dr. Michael Kube, geb. 1968 in Kiel, studierte Musikwissenschaft, Kunstgeschichte sowie Europäische Ethnologie/Volkskunde. Promotion mit einer Arbeit über Hindemiths frühe Streichquartette (1996), Habilitation mit Studien zu einer Kulturgeschichte des Klaviertrios (2016). Seit 1998 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Neuen Schubert-Ausgabe (Tübingen), seit 2002 zudem Mitglied der Editionleitung. Er ist seit 2007 Kuratoriumsmitglied (und seit 2013 Vorsitzender) der Stiftung Kulturfonds der VG Musikedition.