
Tatsächlich erstreckt sich Grimms Œuvre vor allem auf Lieder und Klaviermusik sowie einige kaisertreue Werke aus seiner späteren Schaffensperiode. Kammermusik ist kaum vertreten und Sinfonisches lässt sich leicht listen: eine Sinfonie, drei Suiten und zwei Märsche. Im chronologischen Überblick finden sich aber auch immer wieder jahrelange Pausen im Schaffen, die offenbar Grimms umfassender Tätigkeit als Dirigent und Chorleiter geschuldet sind. Die konservative Ausbildung am Leipziger Konservatorium und die früh entstandene Freundschaft zu Brahms haben in den großen Partituren jedenfalls ihre Spuren hinterlassen. Wer komponierte in der Mitte der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts schon zwei ausgewachsene Suiten in Kanonform – streng in der Form und doch recht unterhaltsam zu hören? Die hier eingespielte Nr. 2 op. 16 ist übrigens Johannes Brahms gewidmet. Seine bereits 1853 uraufgeführte Sinfonie d-Moll erschien erst 1874 – mit vielen Schumann-Anklängen, die erahnen lassen, warum sich Brahms in dieser Gattung so schwer tat. Die ernste und fraglos seriös ausgearbeitete Partitur macht in der Produktion aus Münster einen starken Eindruck und hilft zugleich, die ästhetische Not reflektierender Komponisten zu begreifen.
Julius Otto Grimm. Sinfonie d-Moll op. 19; Suite Nr. 2 op. 16 «in Canonform»
Sinfonieorchester Münster, Golo Berg
cpo 555 612-2 (2021)
