11. Februar 2026 nmz – HörBar – unabhängig / unbestechlich / phonokritisch

Lucie Vellère – Kammermusik

Lucie Vellère – Kammermusik
Lucie Vellère – Kammermusik
Eine stille Stimme aus Brüssel, die ihre eigene Meisterschaft nie nach außen trug. Lucie Vellère (1896–1966) hielt es gar für überflüssig, den Großteil ihres etwa 80 Kompositionen zählenden Œuvres im Druck erscheinen zu lassen: «Verlage sind sehr teuer, und da ich von Grund auf unabhängig bin, […] wollte ich nie einer Gruppierung angehören, um mich von jeglichem Ehrgeiz fernzuhalten.» Tatsächlich knüpft ihre Musik an den einstigen Impressionismus an, interpretiert diesen jedoch konkreter. Aber das ist freilich nur eine erste Momentaufnahme – denn das Doppel-Album stellt nach eigener Auskunft vielfach die erste öffentliche «Aufführung» der Mehrzahl der hier eingespielten Werke dar.

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Prall gefüllt mit 78 und 66 Minuten Spielzeit präsentiert dieses Portrait vor allem Werke aus den Genres «kleineren Formats», aber genau aus diesem Grund oft unberücksichtigt bleiben. Den Kern bilden Lieder und Chorlieder (mit Klavier) sowie Klavierstücke, hinzu kommt noch ein dreisätziges Streichquartett (Nr. 4, 1962), das die von Ravel eingeführte Ausdruckssphäre aufgreift und weiterführt. Die Musik von Lucie Vellère (die ihren Geburtsnamen Weiler nach dem Ersten Weltkrieg frankophonisierte) besticht durch ihre sehr eigene, absolut souveräne Kraft und Tiefe, die Interpretation der hier vertretenen Solist:innen und Ensembles durch das genaue Aushören der Harmonien und Melodien. Für mich ist dies eine riesige Entdeckung, insbesondere die Gesänge mit Frauenchor und das Streichquartett. Wunderbar, dass solche Streifzüge am Rand des Repertoires noch immer möglich sind. Aber dafür steht das Label Musique en Wallonie seit Jahren. (Pluspunkt: Essay und Gesangstexte werden im Booklet durchgehend auch in deutscher Übersetzung abgedruckt.)

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Lucie Vellère. La musique vient quand elle veut…
Trois balladens; Faune; Vous m’avez dit, tel soir; Ô blanche fleur des airs; Égarement; Toi et moi; Trois petits poèmes; Vieille chanson du Xe siècle; Berceuse; Quatrième quatuor à cordes; Air de Syrinx; Petites histoires; Chansons enfantines; Trois tanagra; Promenade au bord du lac; Préludes pour la jeunesse; Feuillets épars
Coline Dutilleul (Mezzosopran), Justine Eckhaut (Klavier), Thérèse Malengreau (Klavier), Philippe Riga (Klavier), Sonoro Quartet, Viride Kwartet, Chœur de chambre de Namur, Thibaut Lenaerts

Musique en Wallonie MEW 2513 (2024, 2025)

HörBar #178 – V… (diverse)

Vanhal – Sinfonien

Autor

  • Michael Kube

    Dr. Michael Kube, geb. 1968 in Kiel, studierte Musikwissenschaft, Kunstgeschichte sowie Europäische Ethnologie/Volkskunde. Promotion mit einer Arbeit über Hindemiths frühe Streichquartette (1996), Habilitation mit Studien zu einer Kulturgeschichte des Klaviertrios (2016). Seit 1998 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Neuen Schubert-Ausgabe (Tübingen), seit 2002 zudem Mitglied der Editionleitung. Er ist seit 2007 Kuratoriumsmitglied (und seit 2013 Vorsitzender) der Stiftung Kulturfonds der VG Musikedition.

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