19. Februar 2026 nmz – HörBar – unabhängig / unbestechlich / phonokritisch

Weckbacher – Quartetti

Weckbacher – Quartetti
Weckbacher – Quartetti
Musik mit vielen Fragezeichen. Wer war Lorenzo Weckbacher? Ist er wirklich in Berlin / Potsdam zu verorten? Warum lassen sich derzeit keine weiteren Quellen über ihn nachweisen? Handelt es sich tatsächlich um Kompositionen aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts – oder ist alles ein gelungener Fake? Ein Konvolut mit seinen Werken auf mehr als 370 Seiten liegt singulär in Antwerpen und ist seit 1972 als «anonyme Schenkung» nachweisbar, doch wohl mit Hinweisen auf eine Existenz bereits zwischen den Weltkriegen. Am preußischen Hof war Lorenzo Weckbacher jedenfalls nicht beschäftigt – oder handelt es sich um eine Verwechslung? War das Konvolut womöglich eine musikalische Bewerbungsmappe? Und warum liegt es dann in Belgien? Viele Fragen um ein echtes Mysterium, von dem bisher kaum jemand Notiz genommen hat.

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Aber auch die Musik hat es in sich. Stilistisch würde ich sei in die 1760er und 1770er Jahre verorten (keinesfalls früher), zugleich ist sie mit ihren geregelten Wiederholungen aber doch sehr periodisch angelegt. Die fast schon thematisch eingesetzte Chromatik im Quartetto VI verblüfft ebenso wie ihre zyklische Wiederaufnahme im dritten Satz, aber auch die Behandlung des Ensembles insgesamt: ein Cembalo, das führt, aber nicht konzertiert und im permanenten Wechsel mit den Streichern (zwei Violinen und Bass) steht. Die Musik ist originell und spritzig und wird von Korneel Bernolet und dem Ensemble Apotheosis ebenso präsentiert. Das Booklet informiert über alle Unsicherheiten und klärt darüber auf, dass manch aufführungspraktische Entscheidung frei getroffen wurde (im Manuskript scheint es auch problematische Lesarten zu geben). Doch wenn so viele Fragezeichen bestehen: Gab es neben allen stilistischen Überlegungen aucheine fundierte Untersuchung des Papiers und der Tinte? Schon manch andere Fälschung scheiterte schließlich an wirklich kriminologischen Untersuchungen. Anderes wirkt irgendwie passend nach «Miss Marple» (so der Lautenzug in der Pastorale des Quartetto VI). Und dennoch: Das bereits 2017 erschienene und noch immer lieferbare Album sorgt für beste Unterhaltung – auch (und vielleicht gerade) als noch immer ungelöstes musikgeschichtliches Rätsel.

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Lorenzo Weckbacher. Quartetti per il Cembalo pincipale
Korneel Bernolet (Cembalo), Apotheosis

Et’cetera KTC 1581 (2016)

HörBar #177 – Übergänge

de Saint-Georges – Quartette Müthel – Music for Harpsichord

Autor

  • Michael Kube

    Dr. Michael Kube, geb. 1968 in Kiel, studierte Musikwissenschaft, Kunstgeschichte sowie Europäische Ethnologie/Volkskunde. Promotion mit einer Arbeit über Hindemiths frühe Streichquartette (1996), Habilitation mit Studien zu einer Kulturgeschichte des Klaviertrios (2016). Seit 1998 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Neuen Schubert-Ausgabe (Tübingen), seit 2002 zudem Mitglied der Editionleitung. Er ist seit 2007 Kuratoriumsmitglied (und seit 2013 Vorsitzender) der Stiftung Kulturfonds der VG Musikedition.

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