Iannis Xenakis / PléïadesEr gehört zu den großen und leider auch zu den großen Unbekannten der Musik des 20. Jahrhunderts. Dabei hat Iannis Xenakis (1922–2001) die Geschichte der Neuen Musik maßgeblich mitgeschrieben. Eine Reihe von zeitgenössischen Komponisten bezieht sich noch immer auf ihn, seine Werke sind allerdings kaum im Konzertsaal präsent. Wie so oft ist man daher auf gewichtige Einspielungen angewiesen – und in diesem Fall ist es das Ensemble der Percussions de Strasbourg, das in einer eigenen Produktion die Pléïades (1979) und Persephassa (1969) aufgenommen hat. Es handelt sich um Partituren, die jeweils von sechs Percussionisten aufzuführen sind, die aber vor allem (damals wie heute) eine ganz eigene, mitunter radikale Klangwelt im Raum erschaffen.
Zurecht wird auf dem Backcover empfohlen, zu einem besseren Hören der Strukturen auf Kopfhörer zu wechseln. Auch wenn dies kaum die alleinige Zukunft der Musikwiedergabe bedeuten kann, so lohnt sich doch der Wechsel in die unmittelbare Räumlichkeit, die in Persephassa für knapp 30 Minuten aus ganz unterschiedlichen «Ecken» erkundet werden kann, während dann in Pléïades eher der Klang selbst im Mittepunkt steht. Die erstaunlichste Erfahrung ist dabei wohl die Freiheit der Rhythmen, obwohl Xenakis vielfach auf der Basis mathematischer oder architektonischer Modelle komponierte. Indes: Was in der einen Kunst nach geordneten Proportionen ästhetisch stimmig erscheint (auch die Mathematik hat eine ästhetisch-philosophische Komponente), wird es auch in der anderen sein – wenn die Verfahren zur Übertragung in sich stimmig sind. Denn was Xenakis nicht nur mit seinen Sixxen geschaffen hat (einem spezifischen Schlaginstrument), überwältigt noch heute. Nach Rhythmus, Zahl und Farbe.
Iannis Xenakis. Pléïades (1979); Persephassa (1969)
Les Percussions de Strasbourg PDS 121 (2021)
Dr. Michael Kube, geb. 1968 in Kiel, studierte Musikwissenschaft, Kunstgeschichte sowie Europäische Ethnologie/Volkskunde. Promotion mit einer Arbeit über Hindemiths frühe Streichquartette (1996), Habilitation mit Studien zu einer Kulturgeschichte des Klaviertrios (2016). Seit 1998 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Neuen Schubert-Ausgabe (Tübingen), seit 2002 zudem Mitglied der Editionleitung. Er ist seit 2007 Kuratoriumsmitglied (und seit 2013 Vorsitzender) der Stiftung Kulturfonds der VG Musikedition.