Viel lieber habe ich mich dann doch dem Hören zugewandt. Freilich schwingt auch hier in manchen der zeitgenössischen Werke ein wie auch immer geartetes Engagement mit – politisch oder klimabezogen (früher sagte man einfach: ökologisch). Manch hermeneutisch offenkundige Partitur muss sich allerdings die Frage gefallen lassen, mit welcher Halbwertszeit sie unterwegs ist. Eine Gegenposition findet sich bei Teresa Grebchenko: «Ich möchte gar nicht politisch sein, ich bin es aber, da ich meine Kunst in dem Moment als politisch betrachte, in dem sie in die Öffentlichkeit gelangt.» Ihre Komposition I am (2023) für singende Cellistin ist es tatsächlich, indem sie eine selbstkommentierende Form des Ausdrucks darstellt, Jahrhunderte überbrückt und zwischen Emotionen und Photonen vermittelt. Elisenda Fábregas greift mit ihren Danses de la terra (2020) auf das mit dem Violoncello verbundene klassische Idiom zurück, ohne es nur zu zitieren, während Judith Shatin mit For the Birds (2005) einen interessanten Wechselgesang mit elektroakustischem Zuspiel gestaltet hat. Dem AA-GA I (1984) von Younghi Pagh-Paan hört man das Jahrzehnt seiner Entstehung fast an – weitaus zeitloser wirken dagegen die Sept Papillons (2020) von Kaija Saariaho. Ihre ausdrucksstarke, persönliche und unmittelbar sprechende Musik wird zweifelsohne auch noch in den kommenden Jahrzehnten gespielt werden. – Sophie-Justine Herr bringt auf diesem Album alle Werke sowohl technisch als auch interpretatorisch auf den Punkt. Klanglich hätte ich mir indes bei den Sept Papillons eine innigeres Verhältnis zur Wärme des Instruments gewünscht.
Younghi Pagh-Paan. AA-GA I (1984); Kaija Saariaho. Sept Papillons (2020); Judith Shatin. For the Birds (2005); Elisenda Fábregas. Danses de la terra (2020); Teresa Grebchenko. I am (2023)
Sophie-Justine Herr (Violonello)
PASCHENrecords PR 240086 (2023)
- :innen / Sophie-Justine Herr
- Britta Byström
- Grete von Zieritz
- Else Marie Pade
- Albert Maria Herz