Auch heute noch haben sich Interpreten dieser Aufgabe zu stellen – und lösen sie oft genug nicht ein, weil der zur Marke gewordene Begriff «Urtext» missverstanden wird als eine am Instrument unmittelbar zu erfüllende Textautorität, wo doch gerade seine Verlebendigung gefordert ist. Aus dieser Persektive macht die Einspielung der Sonaten Wq. 50 durch Tom Beghin allergrößte Freude. Verwendet wurde der Nachbau eines um 1760 in Sachsen gefertigten Clavichords, die Temperatur erfolgte nach «Neidhardt» bei 407 Hz. Selten hört man derartige Musik des Übergangs zwischen zwei Epochen so kenntnisreich, souverän und zugleich anregend vorgetragen – nämlich als musikalische Rede und Unterhaltung. Denn Tom Beghin interpretiert mit freier rhetorischer Geste und lässt dadurch die Noten aus sich selbst sprechen. Dass CPE Bach mit der Druckausgabe der Sonaten noch lange nicht mit dem «Variieren» des Verlaufs fertig war, zeigen seine teilweise umfänglichen Eintragungen in ein Handexemplar. Diese wiederum beispielhafte aufführungspraktische Fassung hat Beghin auf der zweiten CD dieses Doppelalbums mit allen anderen Sätzen noch einmal vollständig eingespielt – und im Booklet umfänglich reflektiert und erläutert. Ein Hörgenuss ohne Ende…
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Carl Philipp Emanuel Bach. Sechs Sonaten mit veränderten Reprisen Wq. 50
Tom Beghin Evil Penguin EPRC 0066 (2024)
Dr. Michael Kube, geb. 1968 in Kiel, studierte Musikwissenschaft, Kunstgeschichte sowie Europäische Ethnologie/Volkskunde. Promotion mit einer Arbeit über Hindemiths frühe Streichquartette (1996), Habilitation mit Studien zu einer Kulturgeschichte des Klaviertrios (2016). Seit 1998 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Neuen Schubert-Ausgabe (Tübingen), seit 2002 zudem Mitglied der Editionleitung. Er ist seit 2007 Kuratoriumsmitglied (und seit 2013 Vorsitzender) der Stiftung Kulturfonds der VG Musikedition.