26. Oktober 2021 nmz – HörBar – unabhängig / unbestechlich / phonokritisch

Grazyna Bacewicz / Joanna Sochacka

Teil 2 von 5 in Michael Kubes HörBar #044 – regards de femmes
Grazyna Bacewicz / Joanna Sochacka
Grazyna Bacewicz / Joanna Sochacka

Zu den prominentesten Komponistinnen des 20. Jahrhunderts zählt ohne Frage Grazyna Bacewicz (1909–1969). Und doch findet man ihren Namen eher im CD-Katalog als auf Konzertprogrammen. Die Gründe werden so vielseitig sein wie das Leben selbst, allerdings dürfte der Kalte Krieg mit seinem Eisernen Vorhang eine gewisse Rolle gespielt haben. Später waren es Komponisten einer anderen Generation, die von Polen aus die musikalische Welt mit dann auch gefälligeren Klängen eroberten. Bacewicz, die selbst auf der Violine und dem Klavier zuhause war, schuf ein verblüffend weitläufiges Œuvre mit nicht weniger als sieben Violinkonzerten, vier gezählten Sinfonien, sieben Streichquartetten und drei Ballettmusiken. Die Unkenntnis darüber darf beunruhigen – und lässt eine ganze Reihe noch bevorstehender wirklicher Entdeckungen erwarten.

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Einen Vorgeschmack darauf gibt Joanna Sochacka mit insgesamt fünf gewichtigen Klavierwerken: drei mehrsätzigen Sonaten (1930, 1949 und 1953) sowie drei konzertanten Etüden (1949, 1952), die jeweils frühesten Werke in Ersteinspielungen aus den unveröffentlichten Manuskripten der Komponistin. Dabei wird klar, dass Grazyna Bacewicz weder den radikalen Ideen der Avantgarde noch denen des Kulturkampfes folgte, sondern sich einer eigenen Sprache und eines persönlichen Ausdrucks bediente, der zwar gestisch der Tradition erkennbar verbunden ist, sich aber nicht davon abhängig macht, sondern eigenständig weiterentwickelt. Klar zu erkennen ist das Bestreben, den gesamten Ambitus des Instruments als verfügbaren Klangraum zu nutzen; häufig auch an den Enden parallel. Grazyna Bacewicz jedoch mit einer Form des höchst flexiblen Neoklassizismus in Verbindung zu bringen, dürfte zu kurz greifen und die vielfach in freier Tonalität gehaltenen Kompositionen vorschnell «schubladisieren» (wie die Schweizer das zu nennen pflegen). Das zeigen auch die in den Sonaten gelegentlich integrierten Fugen und Fugati: Form und Faktur machen eben nur zwei Parameter einer vielschichtigen Komposition aus. Joanna Sochacka spielt die verblüffenden Werke zu Recht als große Musik; der kräftige wie plastische Klang der Einspielung überredet nicht, sondern schafft Klarheit.

Grazyna Bacewicz. Klaviersonate Nr. 2 (1953), Zwei Etüden (1952), Klaviersonate Nr. 1 (1949), Konzertetüde (1949), Klaviersonate (1930)
Joanna Sochacka (Klavier)

DUX 1689 (2020)

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